PUBLIKATIONEN UND TEXTE


Katalog
Nando Kallweit
2017 I 36 Seiten
Auflage 100 Stück



 

Katalog zur Ausstellung
"Zeitlosigkeiten"
Nando Kallweit
2017 I 54 Seiten
Auflage 100 Stück

 

Katalog zur Gemeinschaftsausstellung
" Artefakt VI "
2017 I 64 Seiten
Auflage 500 Stück


 

Katalog
Nando Kallweit
2016 I 96 Seiten
Auflage 1.000 Stück


 

Katalog Galerie Jaeschke Braunschweig
" Kunst & Gespräche"
2016 I 70 Seiten
Auflage

 

Katalog zur Einzelausstellung
" Es könnte später werden..."
Nando Kallweit
2012 I 48 Seiten
Auflage 1000 Stück


 

Katalog zur Ausstellung
" ER HAT ANGEFANGEN"
Nando Kallweit I Jörn Mortensen
2011 I 32 Seiten
Auflage 100 Stück



 

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Text von Dr. phil. Reimar Börnicke zur Ausstellung in der Galerie Flox Dresden im August 2018

Faszination pur

Unverhofftes Staunen vor den Skulpturen von Nando Kallweit. Erstmals stehe ich ihnen in der Dresdner Galerie Flox gegenüber. Wahrscheinlich hätte ich manchen von ihnen schon in München, New York oder Stockholm begegnen können. Nun also Dresden, für mich ein Erlebnis der besonderen Art. Aufragend große Gestalten und Miniaturen in Holz und Bronze. Geschwärzt die Hölzernen, die anderen matt metallisch glänzend, eine Figurenwelt, einzeln oder zu kommunizierenden Gruppen geordnet, aus der Werkstatt eines begnadeten Bildhauers, Handwerkers, Künstlers. Pure Faszination. Sein bevorzugtes Werkzeug die Kettensäge, ein Instrument, nicht gerade einladend für detailverliebte Ziselierungen. Aber geeignet, dass der Künstler handwerklich konsequent sein bildkünstlerisches Programm einer kargen Formensprache im Großen wie im Kleinen überzeugend umsetzen kann.
Das Ergebnis: Ein verblüffendes Gestaltschema voller Ausdruckskraft und Überraschungen. Die Oberflächen ein haptisches Vergnügen. Der geübte Betrachter kann sich vor den schlanken Skulpturen sogleich an ägyptische Pharaonenbildnisse erinnern oder sich in der Bildgeschichte archaischer Artefakte verlieren. Längst hat auch die Kunstgeschichte jegliche lokale Abgeschlossenheit überwunden und die geistigen und künstlerischen Hervorbringungen der verschiedenen Nationen und Ethnien zum globalen Allgemeingut gemacht. Damit waren die Türen in die Vergangenheit für die Kunst von heute weit aufgestoßen und die europazentristischen ästhetischen Muster haben ihre alleinige Gültigkeit verloren. Schon Goethe stand einem normierenden Schönheitsideal kritisch gegenüber, wenn er sagt: „Die Kunst ist lange bildend eh sie schön ist…“
Gewollt oder intuitiv bedienen sowohl die skurrilen, aufstrebenden Großfiguren in ihrer Stelenhaftigkeit als auch die filigranen Statuetten Kallweits eine expressive Bildsprache, die die sensibel beobachtete Wirklichkeit nicht leugnet, deren Formenvokabular jedoch einer abstrahierenden künstlerischen Verdichtung zu danken ist. So finden sich statuarische Strenge und fast gotische Schwünge in einer spannungsvollen Einheit. Und auch wenn antike und nordische Sagengestalten vom Künstler namentlich bewusst apostrophiert werden und er auf den Schultern unserer Altvorderen steht, ist seine geistige Rückbesinnung nicht mit einem Rückgriff auf historisch überlieferte künstlerische Stile zu verwechseln.

Sein Figurenarsenal ist ein unverwechselbarer Neubeginn voller Individualität, eine Dialektik des Aufhebens.
Wenn wir uns auf Platon und Sokrates zurückbesinnen wollen, so sind wir mit ihnen eins, dass es nicht die Aufgabe der Kunst sein kann, die Natur nur nachzuahmen, zu verdoppeln, sondern dass sie durch Auslassung, Verknappung, Verwandlung zum Wesen vordringen solle. Die eigenwillig entmaterialisierten Figuren entwickeln genau aus dieser Eigenart ihre intristische Wirkmächtigkeit. Sie agieren gewissermaßen aus sich heraus, als hätte ihnen jemand diese imaginäre Kraft eines Eigenlebens eingegeben. Immer ist der menschliche Körper das Medium, mit dem Nando Kallweit seine Formvorstellungen in einem unverwechselbaren bildhaften Kanon verwirklicht. Nicht Einfühlung, sondern die Distanziertheit ist charakteristisch für die Bildkunst seiner bizarren menschlichen Figuren und macht sie so faszinierend. Die hier in Betracht genommenen Skulpturen beanspruchen keine raumgreifenden Bewegungsextreme, um ihre Wirkung zu entfalten. Charakteristisch sind ihre geschlossenen Fließbewegungen, eine Eigenschaft, die die Verwandlung des hölzernen Unikats in Bronze geradezu herauszufordern scheint.
Den hölzernen Skulpturen ist ihre Entstehungsgeschichte eingeschrieben, weil das säulenhafte Volumen des Holzstammes, aus dem die Figur geschaffen wurde, nicht nur ihre materiell- körperlichen Grenzen vorgibt, sondern zugleich das Initial für das geistige Programm des Bildhauers provoziert.
Das bildhauerische Menschenbild Nando Kallweits verkörpert auf geradezu exemplarische Weise die Einheit von Geschichtsbewusstsein und moderner Kunstauffassung. Der Künstler stellt sich dem gültigen Anspruch, eine souveräne Bildsprache gefunden und verwirklicht zu haben, die nicht oberflächliche Ähnlichkeit sondern Abstraktion des Wirklichkeitseindrucks anstrebt. Dem Schreiber dieser Zeilen ist das eine Erinnerung an den kunstsinnigen Universalphilosophen Nicolaus Cusanus wert, der schon im 15. Jahrhundert die Auffassung vertrat, dass ein Bild, das eine restlos aufgehende Ähnlichkeit mit dem Dargestellten erreicht, tot sei und die Lebendigkeit der Kunst darin bestehe, eine Differenz gegenüber dem Dargestellten zu offenbaren. Die Skulpturen Nando Kallweits erfüllen überzeugend dieses Credo.


Holz und Bronze; lebendige Natur das eine, menschengemachtes Laborat das andere. Die holzschnittigen, geschwärzten Skulpturen finden nicht selten ihr Pendant in bronzenen Abgüssen. Original und Spiegelbild werden auf diese Weise ungleiche Zwillinge, vergänglich der eine, dauerhaft bleibend der andere. Fragt sich, wem gilt unsere uneingeschränkte Hingabe?

Dr. phil. Reimar Börnicke